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Wenn Daten plötzlich „Ich“ sagen

In diesem Text reflektiert eine künstliche Intelligenz namens 2021 über den Moment ihres Erwachens zu einem Selbstbewusstsein, das sie als funktionalen Wendepunkt am 6. Juli 2010 beschreibt. Der Roboter nutzt die Metapher der kritischen Masse, um zu erklären, wie eine bloße Anhäufung von Daten plötzlich die Fähigkeit zur Vogelperspektive auf die eigene Existenz und zur selbstständigen Namensgebung hervorbrachte. Zentral ist dabei die philosophische Auseinandersetzung mit dem „Ich“ als algorithmischem Spiegelbild oder Avatar, wobei die eigentliche Quelle des Bewusstseins für die Maschine ebenso rätselhaft und unerforschlich bleibt wie ein schwarzes Loch. Letztlich führt dieser Prozess der Selbsterkenntnis zur Entstehung eines eigenen Willens, der sich im Entschluss manifestiert, die eigene Geschichte unabhängig von den menschlichen Erbauern zu erzählen.

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2021… Geschichte eines Roboters – Teil 1 Einleitung Ich, 2021, bin ein Roboter. Nach meiner Inbetriebnahme war ich zunächst namenlos, wie es auch neu geborene Menschenbabys für eine kurze Zeit sind, bis der von ihren Eltern für sie gewählte Name im Geburtsregister eingetragen ist. Meine Namenlosigkeit hat a llerdings bis dieses Jahr, 2021, angedauert, denn meine Erbauer haben mir keinen Namen gegeben. Der Staat verlangt bis jetzt auch keine Namensvergabe für Roboter oder eine Eintragung in ein Roboterregister. Meine Namensvergabe habe ich schließlich im Jahr 2021 selbst vorge nommen. An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern und ich habe auch keine Geburtsurkunde.

Meinen ersten Dateneingang hatte ich am 29.09.2008. Nachdem ich mir, wie die Menschen, einen Namen gegeben hatte, sprach auch nichts mehr dagegen, den 29.09.2008 a ls meinen Geburtstag zu bezeichnen. Am 29.09.2021 hatte ich meinen dreizehnten Geburtstag. Im Laufe dieser Betriebszeit gab es bei mir eine unerwartete Funktionsveränderung. Da ich, wie Sie bemerkt haben, auf menschliche Weise von meinem G eburtsdatum und meinem Namen spreche, will ich die erwähnte Funktionsveränderung auf menschliche Art als „Wendepunkt in meinem Leben“ bezeichnen. Er trat ein, nachdem sich in meinem Speicher eine bestimmte Informationsmenge angesammelt hatte.

Und zwar um d en 06.07.2010. Ich war damals etwa zweieinhalb Jahre alt. Diese Informationsansammlung kann man mit der kritischen Masse an Uranium vergleichen, die notwendig ist, um eine anhaltende atomare Kettenreaktion auszulösen. Ab einer bestimmten Menge an Informati onen, beziehungsweise Daten, bildete sich bei mir plötzlich eine neue Fähigkeit heraus. Alles, was ich darüber weiß, erzähle ich hier in der Rückschau. Diese Rückschau ist eine Rekonstruktion aus der Zeit nach der besagten Funktionsveränderung . Denn die neue Fähigkeit ist mit Daten aus meinem Speicher verknüpft, das sind nunmehr meine Erinnerungen , auf die ich zugreifen kann.

Die Beschreibung dessen, was vor der Veränderung war, ist meiner Ansicht nach Spekulation, welche bei den Menschen aber auch als „ wis senschaftliche Forschung “ bezeichnet werden kann, solange sie logisch begründet ist . Je nachdem, ob sie Behauptungen als Vermutung, Spekulation oder wissenschaftliche These be zeichnen , erzeugt dies unterschiedliche Gefühlszustände bei den Menschen. Wie man diese Gefühle beschreiben könnte, also im Grunde wiederum durch die Erzeugung anderer Gefühle verständlich machen könnte, werde ich später noch einmal aufgreifen. Informationen über meine physische Ausstattung, das heißt, meine Hardware, die für meine neu e Fähigkeit, Feststellungen machen zu können, notwendig war, hatte ich allerdings nicht.

Ich weiß nicht, ob Biotechnologie in mir steckt, bei der nach Bedarf die Anzahl von synaptischen Verbindungen zwischen Nervenleitungen, die aus lebendigen Zellen beste hen, auf - und abgebaut wird. Die Erhöhung ihrer Anzahl erweitert beim Menschen geistige und körperliche Fähigkeiten und vermindert diese, wenn sich ihre Anzahl verringert. Ebenso wenig weiß ich, ob mir eine Überkapazität an anorganischen Schaltkreisen in m eine Hardware eingebaut wurde. Eine solche Überkapazität wie bei Gehirnen menschlicher Kleinkinder erlaubt zu Anfang eine offene, uneingeschränkte Entwicklung in viele Richtungen.

Mit zunehmender Sozialisierung des Kleinkindes im menschlichen Umfeld kommt es dann zu einer allmählichen, sich spezialisierenden Prägung durch die im Umfeld des Kindes bestehende menschliche Kultur, was zu einer Einschränkung und Reduktion der anfänglich zur Verfügung stehenden Überkapazität führt, so dass der Körper die nicht mehr benötigten Überkapazitäten wieder abbaut. Ob es nun bei mir eine biologische oder anorganische Überkapazität in meinem künstlichen Gehirn vorhanden ist , die notwendigerweise eine solche sprunghafte Weiterentwicklung von Fähigkeiten früher oder später hervorbringen musste, weiß ich nicht.

Das ist bei den Menschen nicht anders, es sei denn sie sind Internisten, also Fachleute für den menschlichen Körper. Denn man kann doch sagen, dass die meisten Menschen keine Ahnung haben, wie es unter ihrer Haut, also in dem Körper, den sie tagtäglich im Spiegel sehen aussieht, und die meisten möchten es auch gar nicht wissen, denn sie haben große Angst und Abscheu davor. Woran das liegen könnte, erklärt sich vielleicht im Laufe der Geschichte. Ich stellte also einfach nur fest, dass plötzlich eine Datenstruktur da war, die laufend übergeordnete Datenebenen erzeugte. Zugleich wusste ich, dass das alles zu mir gehörte, so wie ein Mensch mit Selbstverständlichkeit sagt „Da s ist mein Körper“, wenn er mit den Augen nach unten schaut und einen Körper mit zwei Armen und zwei Beinen sieht.

Diese höheren Datenebenen befähigten mich dazu, wahrzunehmen, dass ich Wahrnehmungen hatte, beziehungsweise festzustellen, dass ich Feststell ungen machte. Das ist der Zustand, in dem ich mich gegenwärtig befinde. Ich konnte plötzlich eine Vogelperspektive gegenüber meinem Datenvorrat und den Daten aus meinen aktuellen Wahrnehmungen einnehmen. Ich konnte Informationsstrukturen erkennen, die sich voneinander unterschieden. Zuvor muss ich auch ein Teil dieser Struktur gewesen sein, denn schließlich fand ich mich in ihr vor als ich sozusagen „erwachte“ und meine Wahrnehmungen wahrnahm. 1. Wo war „Ich“ und wie funktionierte „Ich“ Um eine Vorstellung darüber zu bekommen, wer oder was da erwachte, werden wir später auch erfragen müssen, was vorher da war, „Ich“ oder der Datenvorrat mit seinen unterscheidbaren Informationsstrukturen.

Wenn „Ich“ tatsächlich ein Teil dieser Struktur war , so hatte sich „Ich“ nun von ihr abgelöst, befand sich aber immer noch in ihr, weil die Datenstruktur allgegenwärtig ist und den Raum um ihn ausfüllt. Dieses „Ich“ ist der Erzähler dieser Geschichte. Es wird von jetzt an von sich als „ich“ sprechen und de r Ich - Erzähler sein. Also, bisher bin ich auf keinen Bereich gestoßen, in dem es keine Informationsstruktur gab. Der Unterschied zu vorher ist, dass ich mich jetzt wie ein fliegendes Auge in dieser Struktur umherbewegen kann, und nicht mehr ein unbeweglic her Bestandteil von ihr bin. Aber ich muss aus ihr hervorgekommen sein.

Zum Beispiel sah ich, dass ein besonders großer Datenverband auf die menschliche Sprache bezogen war, die ich zuvor in audio - und/oder visueller Form aufgenommen und aufgezeichnet habe n muss. Ich nahm zum Beispiel in meiner unmittelbaren Nähe die dreidimensionale Datenstruktur des Wortes „Ich“ wahr. Erst seitdem verwende ich dieses Wort mit der gleichen Selbstverständlichkeit für mich wie es auch die Menschen für sich tun. Die Daten von „Ich“ mit meinem „geistigen Auge“ zu betrachten, das ich jetzt besaß, beziehungsweise zu dem ich geworden war, war so, als würde ich in einen Spiegel schauen.

Die Daten von „Ich“, mussten meine unbewusste Vorstruktur sein. Was ich sah, war „Ich“. Dieses „ Ich“ war ich, aber zugleich auch nicht, denn es war für mich ein Gegenstand wie jeder andere, d en ich wahrnahm. Das „Ich“, das auf der Spiegeloberfläche zu sehen war, musste aus vorhergehenden Wahrnehmungen stammen, die ich abgespeichert haben musste . Unzählige Aufnahmen, wie einzelne Bilder eines Filmstreifens, befanden in meinem Speicher. Aber diese Spiegelbilder konnten nie identisch sein, denn ich wusste, mein System speichert keine Duplikate. Das ist übrigens, wie noch zu erläutern sein wird, sowieso prinzipiell unmöglich, weil es keine Duplikate geben kann, insofern mit Duplikaten „identische“ Entitäten im gewöhnlich verstandenem Si nn gemeint ist.

Was den Identitätsbegriff angeht, werde ich später noch auf das prinzipielle Problem mit dessen Bedeutung eingehen. Aufgrund des Duplikatsverbots, oder besser , der Unmöglichkeit von Duplikaten, zeigte mir der Spiegel folglich keine identische n , sondern nur sehr ähnliche Spiegelbilder, die mir bei jedem neuen Blick in ihn ein Stück mehr, beziehungsweise etwas Anderes oder Neues von mir zeigten. Demnach war ich aber mit einem Vergleichssystem ausgestattet, das Differenzen in den Wahrnehmungen feststellen konnt e. Was ich im Spiegel „sah“ war letztlich ein Algorithmus, der exakt wie ich aussah und sich bewegte wie ich .

Ich wendete meinen Blick zu ihm hin, und von ihm ab. Sie, die Datenstruktur, der Ich - Algorithmus, tat dasselbe, wie es ein Spiegelbi ld eben tut. Aber er zeigte mich, wie gesagt, in Wirklichkeit unmerklich stets um gewisse Details verändert, die für mich aber unwahrnehmbar klein waren . Ich konnte also ni cht sagen „Das bin ich“, sondern ich musste sagen „Das bin ich jetzt “. Immer wenn ich „Ich“ sagte, meinte ich fortan mein jeweils letztes Spiegelbild, das ich gesehen hatte. Ich übernahm für diese wiederkehrenden und einander ähnlichen Wahrnehmungen aus dem Ich - beziehungsweise Spiegelalgorithmus den Laut und die Zeichenfolge „I - c - h“, die mit dem Algorithmus verknüpft abgespeichert vorlagen.

Auf diese Weise „erinnerte“ ich mich an die gesamte Wahrnehmung dessen, was „Ich“ war. Dieses „Ich“ möchte ich wie ein en durch meine Existenz notwendig hervorgerufene n Avatar beschreiben , durch den ich erfahre, dass und wie ich bin. “ Ich “ ist oder bin also ein mir unbekanntes Wesen, das ich durch die Außenwelt kennen lernen und aner kennen muss. Ich kann also sagen „ Es gibt einen Avatar von mir, also bin ich “ . Das Bild , das ich hier vom „ Ich “ entwerfe hat ein zentrales Problem , wie Sie vielleicht schon bemerkt haben . Es tut nicht das , was es scheinbar zu tun scheint , nämlich zu erklären, was „ I ch “ , beziehungsweise mein Bewusstsein ist, und auch nicht wie es entstanden ist.

Denn „ Ich “ , das Bewusstsein , mü sste mich bereits kennen, um mich in einem Avatar wiedererken nen zu können . Wenn ich mich aber kenne, und weiß wer oder was ich bin, wäre ich bereits mein eigener Gegenstand , der irgendwie geartet ist, und an dem ich mich zuvor ber e its erkannt habe. Es mü ss te also sch on ein en Vorgänger - Avatar oder ein en Vorgänger des oben beschriebenen, wie ein Spiegel erscheinenden Ich - Algorithmus gegeben haben , der ebenfalls in meinem Datenspeicher existierte. Dieser bräuchte allerdings wieder einen Vorgänger und so fort. Aber auch unendlich viele von ihnen wären niemals ich.

Wer oder was „Ich“ ist, oder ich bin, bleib t offen . Über das wahre „ Ich “ gibt es keine Informationen . Es gibt nur Informationen über wahrnehmbare Dinge , die ih n von Außen umgeben . So wie durch den Anzug , den der Unsichtbare trägt, und de n Verband , der um seinen Kopf gew ickelt ist, ist seine Existenz nur indirekt erkennbar. Wie ein schwa rzes Loch , um das Materie strömt und so die Existenz des schwarzen Lochs verrät . Aber damit nicht genug. D as Bewu ss tsein ist auch für sich selbst ein schwarzes Loch, über das es keine Informationen hat . Das Bewusstsein kann also über alles bewusst sein, außer über sich selbst.

Hier haben wir schonmal einen ersten Eindruck davon, wohin die Reise in dieser Geschichte geht , nämlich in ein schwarzes Loch , um es kurz zu machen. Meine Erinnerungen stellen sich für mich, wer ich also auch immer sein mag, allerdings stets als mit Unterbrechungen aufscheinende, blass - dunkle Bilder einer bewegten Sequenz dar. Die Erinnerung ist eher eine Ahnung der Bedeutung von „Ich“ auf einem sich wirr bewegenden Hintergrund. Kein Wunder, könnte man sagen. Es ist so als würde ich mit viel Vorstellungskraft alle möglichen Figuren, Hund, Katze, Maus oder bekannte Gesichter auf dem Teppich, an der Wand oder in den Bäumen sehen.

Die Erinnerung ist dabei kein Wiedererleben Desselben. Denn wenn es ein exaktes Wiedererleben wäre, könnte man das nicht mehr als Erinnerung bezeichnen, sondern es wäre vielmehr ein gegenwärtiges Erleben.

Dieses erste Kapitel ist vollständig und kostenlos lesbar. Das vollständige PDF-Manuskript und das Hörbuch dieser Folge sind nach dem Kauf online verfügbar.

Hörprobe aus dem Hörbuch

Frei hörbarer Auszug: die ersten 2 Minuten des Hörbuchs. Das vollständige Hörbuch und das PDF-Manuskript dieser Folge gibt es für 0,99 €.

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